Portugal Algarve, und Cadiz bis Gibraltar

Die Fahrt von Lissabon nach Süden zur Algarveküste erweist sich als komplizierter als gedacht. Wir hatten mit angesagtem Nordwind von 15 bis 25 Knoten gerechnet, mit dem wir die 100 Meilen rasch mit Vorwindkurs abgefahren wären. Stattdessen beginnt der Tag mit Null Wind und Motor. Etwas später durchqueren wir zwei Stunden lang eine dichte Nebelbank mit kaum 100m Sicht. Es ist kalt und überall bilden sich Wassertröpfchen. Nach der Ausfahrt aus der Bank ist es wieder wolkenlos und warm. Der „Nordwind“ beginnt dann als Südwind mit 10Knoten, wir kreuzen eine Zeit lang dagegen. Dann dreht er nach West, bleibt aber zu schwach zum Segeln. Erst am späten Nachmittag wird dann endlich ein Nordwind daraus, aber viel zu schwach. Bei maximal 12 Knoten platt vor dem Wind und dazu 1,5m Wellen, wie halt am Atlantik üblich, bleibt kein Segel stehen. Nach ein paar Stunden wird es uns zu blöd und wir motoren die Nacht durch. Recht viel Schiffsverkehr ist hier entlang von Portugal, da gibt es kein Schlafen.
Der Morgen empfängt uns statt mit einem Sonnenaufgang wieder mit dichtem Nebel, aus dem es herausregnet. Wir sind ganz nah am Cabo Vicente ohne es im Nebel zu sehen, hören bloß die Brandung. Erst als wir vorbei sind reißt es auf und es wird langsam sonnig. Der Wind legt, wie bei jedem Kap, deutlich zu, die Welle auch, dann sind wir ums Eck, die Wellen verschwinden fast augenblicklich, und wir können 2 Stunden gemütlich bei Leichtwind segeln, bis der Wind ganz aufhört. Die Algarveküste ist landschaftlich schön, mit Steilküsten und Strandabschnitten, die Orte sind wenig beeindruckend, viele Hotels halt für den Massentourismus. Manche sind ganz nett in die Landschaft eingefügt, andere wiederum sind nur hässliche Glas-Betonklötze. Wir steuern Albufeira an um dort am Anker zu übernachten und wollen am nächsten Tag in die Lagune von Faro weiterfahren.
Die Fahrt dorthin, teils mit Motor, teils am Wind segelnd (ohne Welle! Segeln beginnt langsam wieder Spaß zu machen) dauert bloß 4 Stunden, dann ankern wir in der Lagune, ruhiges Wasser, fast Windstille und heiß. Auch Baden macht wieder Spaß im ruhigen Wasser. Der Ort auf der Sandinsel Culatra ist sehr seltsam. Ein Fischerdorf mit kleinen, aber gepflegten Häuschen, saubere Gässchen mit Straßenlaternen, Mülltonnen, Straßenschildern, Hundegackerlsackerlständern und allem was zu einem Ort halt so gehört – aber keine Straße. Es gibt nur Sandbahnen mit den Spuren von den 3 oder 4 Gemeindetraktoren, die dort den Müll entsorgen. Es gibt dort kein Auto, kein Moped und auch sonst nichts Motorisiertes, außer den paar Traktoren eben, und natürlich die Fischerboote draußen. Im Ort bieten zahlreiche Fischlokale und kleine Beisln Speis und Trank zu halbwegs günstigen Preisen an.


Die Fahrt von Faro nach Cadiz ist als Motorfahrt geplant, da kein Wind vorhergesagt ist. Kein Wind stimmt auch, überraschend sind aber die bis zu 2m Wellen gegenan, die das Fortkommen sehr bremsen. Sie stammen vom Fast-Sturm, der zur Zeit durch die Straße von Gibratar herausbläst. Kurz vor Cadiz kommt auch plötzlich Gegenwind von 18-25 Knoten auf, wir brauchen für die letzten 10 Meilen bis in den Hafen 4 Stunden. Es ist finstere Nacht bei der Ankunft, die grellen Stadtlichter blenden und überdecken alle Navigationshilfen. Eine Nachteinfahrt in einen fremden Hafen bei Starkwind – das mag ich schon gar nicht! Es geht aber gut und wir liegen dann ruhig und sicher in der Marina Puerto America. Es sind nur 5 Minuten mit den Rädern in die Stadt. Cadiz hat eine sehr nette Altstadt auf einer Halbinsel mit sehr engen Gassen. Die Innenstadt ist voller Lokale. Hier treffen wir nach den Kanaren auch wieder auf „100 Montaditos“, die spanische Antwort auf  McDonalds, aber viel besser und viel billiger. Es gibt tausend schmale Gassen mit schönen Fassaden, und alle schauen gleich aus. Man verirrt sich hier leicht, aber die Halbinsel mißt nur 1.2km im Quadrat, und so kommt man in jeder Richtung bald ans Meer hinaus, wo man sich wieder orientieren kann. Die Gassen sind zwar zum großen Teil offen für den Verkehr, es fährt aber außer ein paar Zulieferern niemand herum, nicht einmal Mopeds, es ist gar kein Platz für Autos. Geparkt wird offenbar in irgendwelchen Tiefgaragen oder auswärtigen Plätzen, jedenfalls haben wir nur ganz wenige Autos in der Innenstadt gesehen. Die wirkt wie eine riesige Fußgängerzone. Wir genießen allabendlich das rege Leben in den Gassen und Plätzen, es ist ja noch bis 22 Uhr hell. Wir kochen gar nicht am Schiff, gehen immer auswärts essen, man muß die angenehme Stimmung am Abend in der Stadt einfach genießen.
Nach 2 schönen Tagen in Cadiz nutzen wir ein Wetterfenster, der starke Ostwind hört auf, und wir können durch die Straße von Gibraltar ins Mittelmeer zurückfahren. Eine starke Strömung von 3 Knoten schiebt fleißig mit an. Um 14 Uhr kreuzen wir die Fahrtlinie unserer Ausfahrt auf die Kanaren vor 2 Jahren. Der Kreis der Atlantikrunde schließt sich. Abends in Gibraltar wird mit einem Fläschchen Sekt auf die Rückkehr ins Mittelmeer angestoßen. Der Atlantik mit seinen Riesenwellen, dem vielen Regen und nie aufhörenden Winden wird definitiv NICHT in meine Liste meiner bevorzugten Segelreviere aufgenommen.

Portugal, Lissabon

Die portugiesische Hauptstadt ist es schon wert, dass man sich ein paar Tage zur Besichtigung Zeit nimmt. Wir liegen in der Marina Doca de Alcantara im Fluß Téjo. Die ist zwar nicht besonders schön, liegt aber verkehrstechnisch günstig für Stadtbesuche. Südlich von uns liegt der Containerhafen, wenig hübsch und tagsüber laut. Westlich von uns quert die Ponte 25 de Abril den Fluß. Die Brücke ist ähnlich wie die Golden Gate Bridge, und auch nur unwesentlich kleiner als diese. Darüber führt eine sechsspurige Autobahn und eine Etage tiefer die zweigleisige Schnellbahnstrecke. Das Ganze macht Tag und Nacht einen Höllenlärm, zum Glück haben wir genügend Abstand davon. Über uns führt die Einflugschneise zum Flughafen mit Anflügen etwa alle zwei Minuten, aber nur tagsüber. Nördlich schneiden uns eine mehrspurige Strasse, die Schnellbahn und die Tramwaytrasse von der Stadt ab. Wenn man jedoch die Übergänge oder Unterführungen einmal gefunden hat, ist man schnell mitten in der Stadt, mit unglaublich viel Verkehr, Menschen auf den Straßen, vielen Plätzen zum Verweilen, beeindruckenden Bauten und unzähligen Lokalen.
Wir haben die Räder reaktiviert und fahren damit den etwa 10km langen Radweg am Flußufer abwärts. Wir entdecken dabei inmitten der Touristenmassen den Turm von Belem, fahren am Elektromuseum vorbei, besichtigen das Kloster Mosterio do Jerónimos, wandern durch den Botanischen Tropischen Garten, der allerdings etwas enttäuschend ziemlich verwildert und heruntergekommen ist. Weiter flußaufwärts spzieren wir durch den Stadtteil Alfama mit engen und verwinkelten Gassen, Stiegen und Plätzen. Ein Ausflug führt in die Oberstadt, die aber tagsüber nicht gar so beeindruckt. Abends sind hier aber die Lokale offen, und die liegen hier Tür an Tür, da spielt sich’s ab.
Etwa 10km Radfahrt flußaufwärts, größtenteils auf Radwegen, bringen uns zum Oceanário de Lisboa. Das riesige Meeresaquarium im Zentrum mit einer toll gestalteten Unterwasserlandschaft und vielen sehenswerten Bewohnern ist von einer Unzahl kleinerer Aquarien umgeben, die zwar voneinander abgetrennt sind, aber scheinbar doch zusammenhängen, weil man immer wieder Durchsicht aufs Hauptbecken hat. Man hat immer das Gefühl mitten in der Unterwasserwelt und den Felshöhlen herumzuspazieren. Haie, Rochen, riesige Sonnenfische, aber auch kleine bunte Riffbewohner schwimmen wenige Zentimeter vor der Nase vorbei. Außen herum gibt es auch noch gekühlte Abteilungen mit lustigen Pinguinen, aber auch tropischen Regenwald. Die Anlage ist auf jeden Fall absolut sehenswert.
Rund um die Sehenswürdigkeiten gibt es natürlich Touristen-Sonderhöchstpreise, aber etwas abseits der Touristenströme sind die unzähligen Lokale durchwegs preiswert, teilweise sogar echt billig. Auch Einkäufe im Supermarkt machen wieder Spaß, tolles Angebot an Obst und Gemüse, Fleischereien mit Niedrigstpreisen und Bäckereien mit sensationellem Brot.
Nach genau einer Woche Aufenthalt in Lissabon starten wir in Richtung Süden, wollen entlang der Algarveküste, durch die Gibraltarstraße ins Mittelmeer.

P.S.: Mit unserem letzten Tag in Lissabon beenden wir das 3. Jahr unserer Reise.

Atlantiküberfahrt Azoren-Festland

Tag 1: Wir legen am 31.05.2017 um 0730 in Angra do Heroismo auf Terceira ab. Ziel ist Lissabon. Das Wetter soll regnerisch werden, alle Berge sind schon in dichte Wolken gehüllt. Wir fahren unter Maschine los, noch weht sehr schwacher Wind. Der Schwell vor der Hafenausfahrt ist schon 1m, weniger gibt es im Atlantik sowieso nicht. Nach 2 Stunden Motorfahrt ist endlich genug Wind zum Segeln: SüdWest, 12-15 Knoten. Bis zum Nachmittag steigert sich der Wind auf bis 20 Knoten, Welle 2m. Es scheint, dass wir dem Regen von Terceira entgangen sind. Trotzdem ist es rundum grau und unfreundlich. Es ist sehr kühl. Später in der Nacht regnet es dann doch.
Tag 2:  In der Früh dann plötzliche Winddrehung auf NordOst, voll dagegen mit 20 Knoten und massivem Regen. Ganz toll. Es bleibt den ganzen Tag und die folgende Nacht so. Wenigstens der Regen hört am Abend auf, die Nacht bleibt trocken. Unter Segel machen wir kaum Fahrt, weil das Boot sich in jede einzelne entgegenkommende, steile Welle verbeißt. Wir fahren mit Maschine und lassen das Hauptsegel stehen. Höchst beschissener Tag.
Tag 3: Der Wind hat etwas nach Nord gedreht und ist schwächer geworden. Bei Sonnenaufgang werden die Segel gesetzt. Die Sonne zeigt sich nicht, weiterhin starke Bewölkung und es ist saukalt. Am späten Vormittag dann lösen sich die Wolken innerhalb einer halben Stunde völlig auf, die Sonne ist warm, der Wind leicht und aus guter Richtung. Eine Wohltat nach gestern. Der Wind hält die ganze Nacht über an, sehr schwach, aber wir können ganz gut segeln, weil keine Welle mehr bremst.
Tag 4: Morgens hört der Wind völlig auf und wir müssen die Maschine bemühen. Das Azorenhoch (offenbar gibt es so was wirklich, bisher hatten wir dort nur Tiefs erlebt) hat uns voll eingeholt. Zuerst ist es noch bedeckt, ein weisser Schleier, die Sonne ist nur zu erahnen. Und es ist windstill und glatt.  Am Nachmittag klart es wieder plötzlich auf und es wird doch noch sonnig. Abends kommt dann ähnlicher Wind auf wie gestern, wir versuchen zu segeln. Die Nacht über geht es auch so halbwegs, langsam, mit vielen Schlenkern, aber ruhig.
Tag 5: Der Wind wird vorerst nicht stärker, dreht aber nach Achtern, was ihn noch unbrauchbarer macht. Außerdem werden die Wellen wieder höher, von irgendeinem Wind irgendwo auf der Welt. Es ist wieder Motorfahrt angesagt. Am frühen Abend versuchen wir es wieder mit Segeln, Vorwind, leider schwach, wenig Fahrt, aber kein Motorlärm in der Nacht. Über Nacht wird der Wind stärker, die Welle höher. Zeitweilig fahren wir mit Butterfly, später nur noch mit dem Großsegel vor dem Wind.
Tag 6: empfängt uns statt mit einem Sonnenaufgang mit 2 Kaltfronten und ordentlich Regen. Tagsüber zeigt sich ein wenig Sonne durch den grauweissen Schleier, der den ganzen Horizont bedeckt.Der Wind ist unverändert 15 Kt aus West mit 2m Welle. Es sind noch 300 Meilen bis Lissabon, und es geht recht zäh dahin. Abends regnet es noch ein paar Mal. Über Nacht dreht der Wind auf Nord 20 Kt, wir fahren Halbwindkurs, 2m Welle. Wir sind jetzt schnell, aber es ist alle andere als gemütlich.
Tag 7: Wind aus Nord bis Nordost mit 18 Kt. Die kurze Welle, inzwischen 3m hoch, kracht immer wieder gegen das Schiff. Es ist fast wolkenlos, in der Sonne warm, der Wind ist kalt. Vor Beginn der ersten Nachtwache um 20Uhr sind es noch knapp unter 100 Meilen bis Lissabon.  In der Nacht werden Wind und Welle stärker, es beutelt uns grob durch, Wasser kommt auf Halbwindkurs ständig über. Es ist die grauslichste Nachtfahrt bisher.
Tag 8: am Morgen sehen wir Land, wir segeln noch bis etwa 5 Meilen vor der Tejo-Mündung, dann hört der Wind ziemlich plötzlich ganz auf, die 2-3m Wellen von der Nacht reduzieren sich in Landnähe innerhalb einer knappen Stunde auf 0. Es ist sonnig und friedlich als gäb’s nichts anderes. Wir motoren den Fluß Tejo 12 Meilen bis nach Lissabon hinauf.

schöne Azoren

Die Ankunft auf den Azoren ist schon ein großer Fortschritt, aber eigentlich liegen die noch weit draußen, mitten im Atlantik, und es sind noch gut 1000 Meilen bis Portugal. Das Wetter ist auch nicht besser als in der Karibik, kaum Sonne, volle Bedeckung und andauernde Regenschauer. Dazu ist es auch noch saukalt, um die 17 Grad, mit Wind und nass, fühlen sich an wie 12.
Wir sind in Horta auf der Insel Faial. Die Inseln sind allesamt vulkanisch, steil und sehr grün. Die Stadt Horta ist sehr hübschen Häuschen, die auch in teilweise baufälligem Zustand noch nett anzuschauen sind. Alles ist recht sauber, es liegt kein Müll herum und in der ganzen Stadt sind viele Parkanlagen und Blumenbeete, sehr gepflegt. Erfreulich niedrig sind die Preise im Supermarkt, das Angebot ist gut. Auch Restaurants und Cafés sind leistbar, teilweise sogar recht günstig. Ein gezapftes Bier, wohlschmeckend, im Halbliter-Gebinde um die 2Euro (das überhaupt billigste gesehen um 1,60). Im Restaurant! Was will man mehr? Der Liegeplatz in der Marina kostet 12Euro am Tag. Es ist sehr voll, fast alle liegen im Päckchen zu 3-4 Booten. Wir liegen aussen als 3. Boot neben der ukrainischen „Gaga“ mit Andrej und Familie, sowie der britischen“Awelina of Sweden“ mit James und Fiona. Der Liegeplatz ist ruhig, man muss halt immer über die beiden anderen Boote drübersteigen um an Land zu kommen. Dafür braucht man hier nicht abzusperren und nette Kontakte sind schnell geknüpft. Alle Mauern und Flächen im Hafen werden von anliegenden Booten mit Bildern und Namensschildern bemalt, das ist hier so Brauch. Es sind sicherlich Tausende.
2 Regentage müssen wir aussitzen, dann gibt es 3 (fast) regenfreie Tage um in der Stadt herumzuspazieren und auch eine Wanderung um die Stadt, über Vulkanhügel, zu machen.
Nach 5 Liegetagen in Horta gibt es einen Abschiedstrunk auf der „Awelina“, und am nächsten Morgen fahren wir gemeinsam die 70 Meilen nach Angra de Heroismo auf der Insel Terceira. Leider ohne Wind, mit Motor. Wir passieren dabei die Inseln Pico mit dem schönen Vulkankegel (immer in Wolken), sowie Sao Jorge mit einer eindrucksvollen Steilküste mit Wasserfällen.

Die Marina in Angra do Heroismo ist nicht ganz so voll, wir liegen am Fingersteg und werden hier den angekündigten Durchzug eines fetten Tiefs mit 30 Knoten Wind im sicheren Hafen aussitzen. Angra, eine kleine Stadt, 1980 von einem Erdbeben weitgehend zerstört und originalgetreu wieder aufgebaut, zählt zum UNESCO Weltkulurerbe. Ein blitzsauberes Städtchen mit hübsch gefärbelten Häusern, aufwendig gepflasterten Ornamenten auf den Gehsteigen und liebevoll angelegten Parks und Blumenflächen. Hier treffen wir im Hafen auf Peer von der steirischen „Voodoochile“. Die niedrigen Restaurantpreise verleiten zum Essengehen, 35 Euro für feine Steaks mit Vorspeise, Nachtisch und Getränke für 2 Personen, das ist beinahe unglaublich nach gewohntem Karibik-Standard. Abgesehen vom Wetter sind die Azoren absolut großartig.
Nach einem Abschiedsabend mit James und Fiona von „Awelina“ und Peer und Uli von „Voodoochile“, die versprochen haben, uns in Griechenland wieder zu treffen, verlassen wir die schönen Azoren am 31.Mai in Richtung Lissabon.

Atlantiküberfahrt Karibik-Azoren

Anker auf ist wie geplant am Mittwoch, den 3.5.2017 um 1200 UTC aus St.Martin. 2200 Meilen liegen im Idealfall vor uns.
Der Wind kommt nicht aus Südost, wie in der Vorhersage, sondern aus OstNordOst. Ganz genau gegenan. Natürlich. Wir kreuzen, wie fast immer beim Segeln, fahren wie immer hart am Wind. Nach den ersten 2 Fahrstunden haben wir den dritten Squall bereits hinter uns, der nächste kommt uns schon wieder entgegen. Ein toller Anfang!
Nach Passieren der Insel Anguilla dreht der Wind etwas östlicher und wir können den geplanten nördlicheren Kurs fahren.
Wir begleiten über viele Stunden das französische Boot „Rapa“, bis wir es überholen. Die Nacht ist sehr ruppig, an Schlaf ist nicht zu denken, aber wir machen ganz gute Fahrt nach NordNordOst. Immer wieder sehen wir andere Boote am Horizont. Offenbar fahren 3 bis 4 weitere Yachten zugleich mit uns los.
Windstärke und Windrichtung bleiben die nächsten 5 Tage unverändert. Die Wellenhöhe leider auch, es ist sehr holprig und das kostet Geschwindigkeit. Die Squalls lassen zum Glück etwas nach. Hin und wieder sehen wir noch andere Segler auf der gleichen Route, aber die Sichtungen werden seltener. Wir kommen bis jetzt ganz gut voran. Wir haben etwa 550 Meilen hinter uns.

Wellen sind für nix! Seit Tagen schau ich auf dieses widerliche Gewabbere von 2 Metern Höhe hinaus, das mich pro Sekunde einmal hoch-links-vor-runter-zurück-rechts wirft, und ständig mit einem beängstigendem Donnern seitlich an die Schiffswand knallt. Ich frag mich, was sich der da oben wohl dabei gedacht hat, wofür das gut sein soll. Vielleicht als Absprungrampe für fliegende Fische? Aber die fliegen im flachen Wasser auch. Und liegen dann vertrocknet an Deck. Vier Tage Überlegen ergeben definitiv keinen Sinn für Wellen. Keiner will sie, keiner braucht sie, sie sind somit gleichzusetzen mit Stechmückeninvasionen, Fieberblasen oder Gegenwind. Einfach für gar nix. Nur blöd. Basta!

Am 6.Tag wird der Wind etwas schwächer und beginnt nach Süd zu drehen. Mit dieser Drehung gehen wir mit und fahren dann nicht mehr hauptsächlich nördlich, sondern endlich direkt aufs Ziel Azoren nach Osten zu. Außerdem fahren wir nicht mehr so hart am Wind, das bedeutet weniger Schräglage und ruhigere Fahrt. Wir haben Funkkontakt zum dänischen Boot „Barolo“ aufgenommen, das zusammen mit einigen anderen den selben Weg hat wie wir. Beruhigend, dass wir hier nicht ganz allein sind. Es sind einige Boote im Umkreis von 20 Meilen unterwegs. Später funken wir auch noch mit dem norwegischen Boot „Go Beyond“.
Die Genua-Reffleine ist an einer Stelle angescheuert und muss getauscht werden. Nun zeigt die an sich geniale Superspezialanfertigung der Refftrommel von meinem Freund Werner eine kleine Schwäche: Zum Tausch der Leine müssen 16 Schrauben, 4 Edelstahlringe, 4 PVC-Halbscheiben und 2 PVC-Halbschalen demontiert werden. Bei Seegang. Vorne am Bug hängend. Habe große Sorge, dass eines der Teile runterfallen könnte und damit die Vorsegel-Rollanlage unbrauchbar wird. Zum Glück funktioniert der Austausch ohne Verluste. So toll die Neukonstruktion der Trommel auch ist – an den einfachen Austausch der Leine unter Fahrt hatten wir nicht gedacht.
Am 7.Tag wird der Wind sehr schwach und kommt direkt von hinten. Zum Segeln ist er nicht mehr zu gebrauchen. Wir motoren etwa 10 Stunden lang dahin, dann wird’s wieder etwas besser und wir können segeln. Zwei Tage lang bleibt es so, große Welle und leichter Wind, gerade noch zum Segeln geeignet. Lange tüfteln wir an einer Segelstellung herum, damit die Segel beim Extremgeschaukel am Vorwindkurs nicht zu arg schlagen.
Am 9.Tag dreht der Wind eher nach Süd und frischt auf. Ein Tief wird nördlich von uns vorbeiziehen und treibt ihn an. Wir bewegen uns erst einmal in der Mitte zwischen diesem Tief und einem südöstlich liegendem Hoch auf direktem Kurs auf die Azoren zu. Es sind es jetzt noch etwa 1100 Meilen bis dahin, falls wir nicht noch öfter irgendwelchen Wetterlagen ausweichen müssen, wie jetzt eben. Der Wind von diesem Tief erreicht in der Nacht 37 Knoten bei gut 4 Metern Wellenhöhe. Eher ungemütliches Fahren mit überkommendem Wasser. Noch in der Nacht und am nächsten Tag schüttet es mit gleichzeitigen Sturmböen. Wir haben die Segel bis auf ein ganz kleines Fetzerl weggerollt und fahren trotzdem noch 7-8 Knoten. Einige Wellen schlagen seitlich übers Deck oder von hinten ins Cockpit. Trotz Regenkleidung sind wir nass bis auf die Haut. In einer Regenpause begleiten uns ein paar Delfine. Sie schwimmen hinterm Boot im sich auftürmenden Wellenberg nach und schauen uns von oben her an, während wir tief unten im Wellental sind. Dann überholt uns die Welle, die Delfine schwimmen ein Stück zurück und beginnen das Spiel mit der nächsten Welle neu.
Am 11.Tag schwächt der starke westliche Wind etwas ab und geht nicht mehr über 30 Knoten, die Riesenwellen werden aber noch 2-3 Tage anhalten. Es geht gut zu Segeln, aber angenehm ist die 4m Schaukelei nicht. Der Kartenplotter im Cockpit ist von der hohen Feuchtigkeit innen beschlagen und hört zu arbeiten auf. Mein Herz auch. Nach einer Stunde Zerlegen, Trocknen, Wischen, Ausblasen, in die Sonne legen und Zittern funktioniert er nach dem Zusammenbau Gott sei Dank wieder einwandfrei. Er bekommt jetzt eine verbesserte Spritzwasserabdeckung.
Am 12. Tag dreht der Wind gegenan auf Nordost und hört dann fast ganz auf. Motor ein. Morgen soll es wieder besser werden. Die Pause kommt uns nach den anstrengenden letzten Segeltagen ganz gelegen. Im Laufe des Tages begleiten uns mehrmals Delfine, einmal sind sicherlich zugleich 50 Tiere rund ums Boot unterwegs. Im ruhigen Wasser, wie wir es am Atlantik noch nie erlebt haben, treiben viele Segelquallen dahin, andere Quallen auch. Nachts ziehen wir eine Leuchtspur von fluoreszierenden Algen hinter uns her.
Der 13. Tag bringt noch keine wesentliche Verbesserung der Windsituation. Man könnte grade mal segeln, aber wir wollen nicht zu viel Zeit mit Herumdümpeln verlieren. Wir geben einen Segelversuch nach einigen Stunden wieder auf und  motoren weiter.
Am 14.Tag frischt der Wind auf, leider nicht in der vorhergesagten südlichen Richtung sondern eher östlich. Wir können segeln, aber halt wieder einmal voll hart am Wind mit 1m steiler Welle gegenan. Es tuscht alle paar Sekunden, wenn der Bug ins nächste Wellental knallt. Kein Vergnügen, aber es geht wenigstens voran. Es sind noch 400 Meilen bis zu den Azoren, das Wetter soll nun störungsfrei bleiben, hat uns Freund Andi mitgeteilt, der uns dankenswerter Weise täglich eine Wettervorhersage zuschickt. Und er stellt uns ein entspanntes Segeln bis zu den Azoren in Aussicht.
Am 15.Tag dreht der Wind dann doch auf Süd, allerdings mit 25 Knoten und mehr anstelle der vorhergesagten 5-15. Die dazu passende Welle ist 2m hoch und steil. Es tuscht und scheppert beängstigend. Dazu kommen mehrere Squalls in der Nacht. Von wegen „entspanntes Segeln“. Ich muss Andi einmal auf so eine entspannte Atlantikfahrt mitnehmen…  😉
Am 16.Tag stellt sich das versprochene Wetter und somit die Entspannung ein. Wind aus Süd mit 15-17 Knoten, sowie erträgliche Welle ermöglichen gutes Segeln, schnell am Halbwindkurs und halbwegs komfortabel. Gestern hatten wir ein Rekord-Etmal von 160 sm, entspricht einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 6,67 Knoten über 24 Stunden. Die anderen Etmale lagen immer zwischen 120 und 140 sm. Es sind jetzt noch 120 sm bist zum Ziel Horta auf der Azoreninsel Faial.
Die Delfinsichtungen häufen sich, vier, fünf Mal am Tag schauen ein paar vorbei und schwimmen ein Stück mit uns.
Am 17.Tag hält das gute Segelwetter an, sodass wir ohne Probleme den Hafen in Horta erreichen. Dort treffen wir beim Einklarieren auf einige Boote, die mit uns zugleich gestartet und ebenso gerade erst angekommen sind. Der Hafen ist ziemlich voll und eng. Wir liegen außen in einem 3er-Päckchen. Es ist regnerisch, windig und kühl. Erst einmal ausgiebig duschen, und dann suchen wir ein Restaurant zum Essen. Seltsam: vorne am Pier macht gerade eine Reggae-Band Soundcheck für den Abend. In 2 Saisonen Karibik haben wir dort keine einzige gehört…..

Die gefahrene Route, wie auch alle bisherigen, ist in der Kategorie „Route“ zu sehen
ein paar Zahlen, Fakten und Schätzungen zur Fahrt:
Route:  von Marigot auf St.Martin, Westindies  nach Horta auf Faial, Azoren
Fahrtdauer:  408 Stunden, das sind genau 17 Tage.
zurückgelegte Strecke: 2340 sm (4336 km), theoretisch kürzeste mögliche: 2180 sm
davon gesegelt: 2133 sm,  unter Motor gefahren: 207 sm
größte seitliche Abweichung vom kürzesten Weg: 220 sm
Dieselverbrauch:  60 l     (270 l hatten wir dabei)
Durchschnittsgeschwindigkeit: 5,7 Kt (10,5 km/h)
Etmale (gefahrene Strecke in 24 Stunden):  max.160 sm, min.116 sm
höchste Windgeschwindigkeit: 37 Kt (68 km/h)
Squalls: 7, durchregnete Nächte: 1, Regentage: 1
Sicht- oder Funkkontakt mit anderen Yachten auf gleicher Route: 8x
Begegnung mit entgegenkommenden Frachtschiffen: 2x
Delfinsichtungen: täglich mehrere, sicher mehr als 100 Tiere insgesamt
Wellenhöhe max.: ca.4m, etwa 5x ist eine seitlich oder übers Heck eingestiegen.
Wellen: 1.641.600 (bei niedrig angelegter Schätzung von 1 Bewegung je Sekunde)
verschütteter Kaffee/Getränke: 0 (ja, wir haben seit der ersten Überfahrt dazugelernt)
durchschlafene Nächte: 0
verschlafene Ruderwachen: keine Angabe, Näheres weiß eventuell Karli, unser Autopilot

von hier sind es dann nur mehr 1100 sm bis Gibraltar. Hurra!