Nachsaison mit Wirbelsturm

Einsetzender starker Nordwestwind zwingt uns, den Lieblingsplatz aufzugeben. Wir verlegen in die Stadtbucht von Vathi, die bei jeder Windrichtung sicher ist. Sicher schon, aber die rund umlaufende Hafenmauer wirft schon bei leichtem Wind die entstehenden Windwellen als Reflexionen in alle Richtungen zurück. Am Ankerplatz entsteht so selbst bei Leichtwind eine unglaubliche kabbelige See, kein Schaukeln, es rüttelt chaotisch am Boot, und es klatscht von unten an den Hecküberhang des Rumpfes, was sich innerhalb des Bootes wie eine Kollision anhört. Etwa jede Sekunde. Kein Schlaf in dieser Nacht. Am nächsten Morgen wechseln wir schnell auf einen frei gewordenen Platz auf der gegenüber liegenden Seite der Bucht, 500 Meter entfernt, wo nur etwa 8 Boote Platz haben. Dort ist das Ufer unverbaut, die Wellen laufen aus und sind kaum zu spüren. Auch zum Baden ist es viel besser, weil klares tieferes Wasser dort ist. Nur bis in den Ort muss man etwa 20 Minuten zu Fuß gehen, aber das ist der ruhigere Platz auf jeden Fall wert. Die nächsten Tage ist das Wetter immer gleich: nachts und vormittags ruhig, am Nachmittag bis in den späten Abend starker Westwind. Der trifft uns am Ankerplatz immer von der Seite, und das ist recht unangenehm. Hier bleiben wir acht Tage lang hängen, es ist recht gut zum Baden, und die Katz hat am Ufer ein kleines Wäldchen für sich, das gefällt ihr, sie ist viel draußen unterwegs.
Irgendwann ist aber genug Idylle, wir umfahren Ithaki im Süden, und auf der gegenüber liegenden Seite wechseln wir nach Evfimia auf Kefalinia über. Der kleine Ort besteht nur aus Tavernen und einem Supermarkt ohne jede Preisauszeichnung. Gar nix. Wahrscheinlich gelten Spezialtagestouristensonderpreise je nach Befindlichkeit des Betreibers. Wir haben nicht gefragt. Der Ort ist eher fad, dar Liegeplatz im Hafen zu eng, es quietschen die Fender der Nachbarboote ganz erbärmlich. Wenig Schlaf. Da werden wir nicht lang bleiben. Die Liegegebühr wird erst am nächsten Tag ab Neun Uhr kassiert, wir fahren schon um halb Acht hinaus und sparen uns so wenigstens die Kosten für den Liegeplatz. Die Fahrt geht weiter nach Poros, da waren wir auch schon öfter. Unterwegs geht so gut wie kein Wind, trotzdem ist die kabbelige Welle fast ein Meter hoch, wir werden ziemlich arg durchgeschüttelt. Poros ist wegen seiner Enge immer gut für Ankerkino mit den Charterbooten, diesmal ist es eine Kollision mit der Hafenmole (witzig) und eine Fast-Kollision mit uns (nicht witzig), und dafür ein paar nette, aufmunternde Worte von mir an den Charterskipper, der nicht in der Lage ist, auch nur ein paar Meter geradeaus rückwärts zu fahren.
Von Poros aus fahren wir nach zwei Tagen nach Zakynthos, ans Südende nach Keri. Dort ist ein „Naturschutzgebiet“ für Caretta Caretta Schildkröten, was aber nicht heißt, dass nicht -zig Leihboote und Ausflugsboote kreuz und quer durch die Bucht fahren. Es besteht aber Ankerverbot in großen Teilen. Und eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf maximal 6 Knoten. Lautlos ankernde Segelboot stören die Schildkröten wohl mehr als herumrasende Motorboote, von denen kein einziges die 6 Knoten auch nur annähernd einhält. Oder ist es vielleicht doch nur eine Frage des Umsatzes? Jedenfalls können wir hier ein paar ruhige Tage zum Baden verbringen, wenn auch die weite Bucht bei nordöstlichen Winden offen ist und unruhig wird. Trotz Ende der Hauptsaison sind noch viele Touristen da, die Anzahl der Bootfahrer hat aber deutlich abgenommen.
Weil eine stürmische Wetterphase angekündigt ist mit Winden aus alle Richtungen verlassen wir den offenen Ankerplatz und fahren nach Kiparissia am Westpeloponnes. Dort gibt es einen relativ gut geschützten Hafen, Liegen ist gratis, es gibt freie Wasseranschlüsse. Heißwasserdusche – wenn die Sonne auf die schwarze, lange frei liegende Zuleitung scheint. Die Stadt liegt etwas entfernt, steil den Hügel hinauf, und ist daher ein wenig mühsam zu erreichen. Die Mühe lohnt sich aber, oben gibt es große Supermärkte, sogar einen Lidl. Dort werden wir die unsichere Wetterlage aussitzen. Es gibt sonst am westlichen Peloponnes keine sicheren Fluchtplätze, außer vielleicht Pylos, aber dort ist die Infrastruktur schlechter.
Wir unternehmen trotz der steilen Lage des Ortes viele kleine Radausflüge, einen davon auf die Burgruine. Das Hafenwasser ist eher grindig und riecht öfters stark, aber nur 5 Radminuten entfernt gibts einen recht schönen Strand mit Süßwasserduschen, da fahren wir fast täglich einmal hin.
Nach 4 Tagen Ruhe setzt dann der Starkwind aus Osten ein, dessentwegen wir eigentlich hier her geflüchtet sind. In den Nachrichten berichten sie vom Wirbelsturm der Kategorie 1, „Zorbas“, der anschließend zwischen Peloponnes und Kreta durchziehen soll. Die Vorhersagen schwanken zwischen 30 und 70 Knoten im Hafen. Wir bauen alle Stoffabdeckungen vom Schiff ab und räumen das Deck frei, damit wir dem Sturm wenig Angriffsfläche bieten. Alle verfügbaren Festmacher werden verspannt. Der Bootsrumpf ist halbwegs hinter der Hafenmauer versteckt, aber der frei stehende Mast reicht aus, um das Schiff bei Böen in eine arge Schräglage zu versetzen. Der Schwell im Hafen hält sich zum Glück in Grenzen. Die ersten beiden Tage und Nächte bläst es durchgehend mit 30 bis 40 Knoten aus Ost. Am Dritten Tag vormittags sind es dann 40 bis 50 Knoten. Der Radarreflektor, der im Mast mit Kabelbindern befestigt war, fliegt davon und verschwindet irgendwo im Hafenbecken. Zu Mittag hört der Wind plötzlich fast völlig auf und es beginnt zu regnen. Ein paar Blitze und Donnergrollen sind dabei. Nach 2 Stunden fängt der Wind wieder an, bleibt aber den ganzen Tag mäßig stark. Am vierten Tag regnet es sehr stark, und der Wind legt wieder ordentlich zu. Das Auge des Wirbelsturms zieht heute ziemlich über uns drüber. Nachdem es vorbei ist setzt starker NW-Sturm ein, wieder mit 50 Knoten, also so um die 100 km/h, die Wellen donnern mit 2-3 Meter Höhe von NW heran. Im Hafenbecken, das nach NW die Einfahrt hat, entsteht Schwell von fast 1 Meter. Das Boot reißt an allen Leinen, die Fender werden manchmal über die Molenkante hinausgehoben. Wir fürchten von den Wellen gegen die Mauer geschleudert zu werden. Die Vertäuung ist aber ausreichend, sodass nichts Derartiges passiert. Das Reißen an den Leinen und die heftigen Bootsbewegungen sind aber Angst einflößend. Die Holländer neben uns kriegen das Festmachen nicht so recht in den Griff und flüchten zum Ankern ins Hafenbecken hinaus, dem türkischen Paar Batur und Emine helfen wir eine Stunde lang im strömenden Regen ihr Boot halbwegs sicher fest zu kriegen. Am Abend lässt der extrem starke Wind etwas nach, der böse Schwell bleibt aber Stunden danach noch erhalten. Die Nachrichten berichten von größeren Schäden am Peloponnes, hier haben alle den Spuk ohne Verluste überstanden.
Weil der Wind in nächster Zeit immer von Süden kommen soll, bleiben wir auch nach dem Sturm noch ein paar Tage da. Mittlerweile kennen wir alle seltsamen Leute, die da den ganzen Tag im Hafen herumlungern und angeln. Davon hält sie keine störende Arbeit ab. Fehlen tut es aber trotzdem an nichts, weil alle kommen mit Autos oder Motorrädern daher und fahren zig Mal sinnlos hin und her, obwohl der Sprit hier knapp 2 Euro kostet. Nachts fahren dann Jugendliche die Mole auf und ab, die kriegen wahrscheinlich auch alle gratis Benzin.
Nach 16 Tagen Kiparissia fahren wir endlich weiter nach Pylos. Dort hat sich der Hurrikan deutlich schlimmer ausgewirkt. Hinter uns liegt ein Pole mit einem Alu-Schiff, dem es beim Sturm an der Hafenmole 3 Meter seiner Seitenwand aufgerissen hat, weil er im geschützten „Marina“-Hafen keinen Platz mehr gefunden hat. Dort sammeln sich inzwischen immer mehr Dauerlieger und vergammelnde Schiffsleichen an. Überall liegt Müll herum. Die paar bewohnten Dauerlieger haben fast den ganzen Tag die kleinen Benzingeneratoren laufen. Pylos wird immer grauslicher, wir wollen nicht allzu lange bleiben. Die Stadt ist ja ganz nett, wir machen einen ausgiebigen Spaziergang rundherum, ein Teil des Waldes rund um die Festung ist im Sommer abgebrannt. An den frei gewordenen Stellen wachsen jetzt Zyklamen in hoher Dichte.
Nach 2 Tagen fahren wir die kurze Strecke nach Methoni am Südspitz des westlichen Fingers. Am Strand liegen 3 vom Wirbelsturm hinausgeschwemmte Boote, sie scheinen aber nicht schwer beschädigt zu sein. Kiparissia als Unterschlupf für den Wirbelsturm war anscheinend ein Glückstreffer, überall sonst gab es mehr Schäden als dort. Wir sind jetzt allein am Ankerplatz, nur mehr einheimische Fischerboote hängen da. Am ersten Tag in Methoni gibt es ein Gewitter mit Hagel und Starkregen, wie wir ihn noch nie erlebt haben, dann wird es endlich ruhig, und so sollte es laut Vorhersage auch wenigstens eine Woche bleiben.