Sidonia, Athos und Insel Thassos

42 Meilen Überfahrt zum mittleren Finger von Chalkidike. Wieder sind für Nachmittag Gewitter angesagt. Wieder fahren wir beim schwachen Wind mit Motorunterstützung, weil wir dann mit sechs Knoten statt mit zweieinhalb fahren können und Zeit sparen. Wieder einmal kommen die angekündigten Gewitter natürlich nicht. Da hätten wir auch segeln können.
Der „Hafen“ in Koufo liegt westseitig in einer sehr gut geschützten tiefen Bucht, die Hafenanlagen sind bis auf eine Mole für Segler unbrauchbar, weil viel zu seicht. Wir ankern. Es gibt sieben Tavernen mit aufdringlichen Keilern am Eingang, jeder quatscht uns an wie toll sein Restaurant ist, obwohl wir ganz offensichtlich kein Interesse zeigen. Ein Mini-Markt für die Grundversorgung ist vorhanden.
Wir können an der Mole unsere Wassertanks auffüllen. Am näschsten Tag geht es rund um den Südspitz von Sidonia. Wir fahren erst Süd- dann weiter Ost- und dann Nord- und auch noch Nordwestkurs, alles mit Butterfly-Stellung, den sehr schwachen Wind immer von hinten. Der dreht – wie in Griechenland üblich – einmal pro Tag mindestens komplett alle Richtungen durch. Wir benötigen für die 14 Meilen fast 5 Stunden, aber wenigstens kein Motor! Es gibt recht schöne Strände hier zu Ankern, leider alles sehr offen, nur für ruhiges Wetter geeignet. Es gibt kaum Supermärkte hier, und wenn, dann weit im Land drinnen. Ohne Fahrzeug unerreichbar. Für die vielen Camper hier ist das kein Problem, für uns schon.
Am nächsten Tag sollte es windstill sein, wir bringen die Fahrräder an Land und machen eine Einkaufsrunde. Größere Supermärkte gibt es nicht, aber weit verstreut liegen Bäcker, Fleischer und Minimärkte. Die „Windstille“ dauert den ganzen Tag an mit konstanten 10 Knoten Ostwind, der wäre ideal zum Weiterfahren gewesen – leider verpasst. Dafür beginnt der nächste Tag mit 15 Knoten Nordwind – zwar weniger günstig, aber zum Aufkreuzen ist genug Zeit. Natürlich hört der Wind nach zwei Stunden komplett auf, absolut spiegelglattes Meer. Wieder einmal stundenlanges Motoren. Wir kommen am Nordwestende von Sidonia an. Dort liegt vor Agios Nikolaos das Inselchen Diaporos und viele kleine unbewohnte Inseln. Dazwischen gibt es ein hervorragend geschütztes Gebiet mit schönen Ständen und einigen guten Ankerplätzen. Auf Diaporos gibt es einige Luxus-Ferienappartments, die meist in riesigen, schön angelegten Parkgrundstücken liegen. Die meisten Anwesen sind aber privat, wie uns die freundliche Besitzerin, ein ältere Dame aus Deutschland, erklärt. Viel Grün, große Bäume, schattige Plätze. Tagsüber wuseln die kleinen Ausleihboote um die Insel, abends sind wir aber ziemlich allein, und es ist ruhig. Es gibt derzeit kaum Wind, fast täglich ziehen Gewitter nördlich vorbei, aber keines erreicht uns hier wirklich. Es ist ein sehr schöner Ort hier, gar nicht so touristenüberlaufen, wie wir es von Chalkidike erwartet hätten. Hier bleiben wir ein paar Tage an verschiedenen Ankerplätzen. Auch Mutzi hat hier ihren Spaß an den Stränden und Wiesen, abgesehen von einer etwas unheimlichen Begegnung mit einem kleinen Fuchs, den sie erst verjagt, der dann aber zurückkommt und wenig Scheu zeigt. Könnte an Menschen dort gewöhnt sein, oder auch Tollwut haben. So genau wollten wir es dann nicht wissen. Da läßt Mutzi sich dann doch gerne ins Beiboot heben und in Sicherheit bringen. Die Ecke dort ist dehr schön, das Wetter ist ruhig, da könnten wir es schon eine Zeit lang aushalten. Wir wollen aber weiter. Rund um Athos mit seinen Klöstern soll es gehen, nach Thassos. Das ist ein ziemlich langer Weg, denn rund um Athos darf man nicht ankern. Wegen des ruhigen Wetters werden wir wohl nicht segeln können, aber 14 Stunden motoren ist auch keine schöne Aussicht. Der nächste Tag bringt trotz angesagter Windstille einen stundenlang konstanten mittleren Wind. In der Hoffnung, dass es auch tags darauf so sein könnte, fahren wir um Mitternacht los. Tatsächlich bläst ganz brauchbarer Segelwind, es ist Vollmond, eine gute Nachtfahrt. Ganz nach Plan sind wir dann bei Sonnenaufgang an der Ostseite von Athos und können ein paar Klöster im Vorbeifahren anschauen, dann segeln wir einen großen Teil der 60 Meilen zur Insel Thassos weiter.
Auf Thassos steuern wir zunächst den Hafen Kallirachi an. Der Ort liegt 3 km vom Hafen entfernt am Berghang. Wir radeln eine gute dreiviertel Stunde bergauf bei 29 Grad. Der Ort ist nett mit vielen verwinkelten Gassen, schönen schattigen Vorgärten, aber auch mit jeder Menge Ruinen und verfallenden Häusern. Die Rückfahrt, ausschließlich bergab, gestaltet sich angenehmer. Wir bleiben drei Tage dort, lernen deutsch-griechische Leute kennen, mit denen wir einen netten Abend verbringen. Nach zwei Tagen wechseln wir in die Hauptstadt Thassos im Norden der Insel. Hier brummt der Tousismus, kaum Deutsche, dafür lauter Rumänen und Bulgaren, ein paar Serben. Die Stadt hat einen netten alten Kern, natürlich voller Lokale und Souvenierläden. Der große Hafen ist nur spärlich gefüllt und völlig vergammelt. Der Steg bröckelt, rostige Baueisen stehen überall vor, die verbliebenen Kanaldeckel sind völlig verrostet, Wasser und Stromkästen sind völlig verrottet und tot, die ehemaligen Laternenpfähle stehen in einem Meter Höhe abgerostet mit scharfen Kanten herum, natürlich keine Beleuchtung mehr, keine Mülltonnen – nix. In ganz Resteuropa würde sowas vermutlich abgesperrt, betreten verboten, Ruine. Hier ist das der Haupthafen der Hauptstadt.
In der Stadt gibt es eine Menge antiker Stätten, behauene Steine und Säulenteile liegen kaum sichtbar im ungemähten Gras herum. Am Berg gibt es noch ein Amphitheater, das im zehn Jahre alten Segelreiseführer als „gerade in Restaurierung“ beschrieben wird. Als wir hinkommen steht immer noch ein Kran herum, restauriert ist da gar nichts, aber ein paar Kloanlagen für zukünftige Besucher sind gebaut worden. Und es gibt eine Baustellenbewachung, damit niemand über die inzwische niedergetretenen Zäune steigt. Die EU-geförderte Restaurierung wird wohl noch ein paar Jahrzehnte dauern.
Wir umrunden die Insel weiter im Uhrzeigersinn, immer gleich hart am Wind, weil der dreht genau anders rum um die Insel. Er ist aber schwach, mit wenig Welle, so macht auch das Kreuzen spaß. Der nächste Halt ist die berühmte Aliki-Bucht. Das ist eine Badebucht mit ein paar Appartements, zehn Fischtavernen und 250 Sonnenschirmen auf 60 Meter Strand. Zum Ankern und Baden ist es ganz nett, die wenigen Charterbootfahrer, die hier nächtigen kommen allerdings bedenklich nahe. Die meisten hängen gleich von vornherein die Fender raus und rechnen sowieso mit Kollisionen bei Winddrehungen. Hinter der Badebucht gibt es eine Ausgrabungstätte mit Tempelresten, und antike Marmorsteinbrüche. Bevor die ganzen Ausflugsboote am Nächsten Tag fahren wir weiter nach Limenaria im Süden. Dort gibt es eine angefangene Marina mit fertiger Mole, Wasser vorhanden, Strom installiert aber noch nicht angeschaltet. Man liegt noch kostenlos hier. Der Ort ist leider sehr touristisch und nachts sehr unangenehm laut, Bars mit „Musik“ bis vier Uhr früh, auch wenn niemand mehr da ist. Am Berg steht eine alte Villa der Industriellenfamilie Krupp, dahinter ein paar Reste von Erzverarbeitungsanlagen. Obwohl offiziell „in Restaurierung“ verfällt alles hier in typisch griechischer Art. Hier mieten wir uns ein recht billiges Motorrad zu Inselrundfahrt. Wir fahren durch einen urwaldähnlichen Graben ins Bergdorf Maries, von dort weiter über eine „Dust Road“ nach Castro. Gestaubt hat es gar nicht so viel, auf der „Strasse“ liegt kaum Staub, viel mehr gröbstes Geröll, fast unbefahrbar, eigentlich mehr ein Eselsweg. Das dritte Bergdorf ist dann Theologos, mit einer alten Wassermühle am Ortsrand, frisches, klares Trinkwasser sprudelt hier aus dem Boden. Die Insel ist sehr grün und bewaldet. allerdings sind große Teile Waldbränden zum Opfer gefallen, riesige Flächen mit verkohlten schwarzen Baumstämmen.