3.2. Haltet den Dieb!

Die Windvorhersagen werden immer grausiger. Ursprünglich war ein kurzer Sturm nur für Donnerstag Nacht angekündigt, der allerdings erst am Samstag kam, und nach dessen Ende sofort das nächste und nächste und nächste Sturmtief aus dem Golf von Lyon herunterkommt. Immer mit Windstärke 8. Mittlerweile soll der Nordsturm nicht bevor 10 Tagen enden. Täglich kommen zwei neue Sturmwarnungen für dieses Gebiet am Navtex herein. Am Freitag ist an der unweit gelegenen Küste von Formentera ein Boot verunglückt, es gab sogar Todesopfer. Das komplette westliche Mittelmeer ist derzeit langfristig von Stürmen zugesch….. Wir müssen im Hafen bleiben. Trifft sich eh gut, denn gestern hat man uns beide Fahrräder geklaut. Die inzwischen ziemlich verrosteten Billigfahrräder! Herzlichen Glückwunsch dem Dieb! Sie waren hinterm Boot auf der Mole abgesperrt abgestellt gewesen. 8 Monate lang in Italien haben die Dinger niemanden interessiert, nach 3 Tagen in Spanien sind sie weg. Hätt‘ ich nicht gedacht. Viel Hoffnung hat uns die Polizei bei der Meldung aber nicht gemacht, obwohl hier alles mit Videokameras überwacht wird. Einen der Hafentage nutzen wir, um gemeinsam mit unseren britischen Liegeplatznachbarn einen Ausflug nach La Mola zu machen. Das liegt am Buchteingang nach Mahon und ist eine riesige Festungsanlage aus dem 19.Jhd. So gewaltig groß, dass wir darin fast 3 Stunden lang herumwandern können. riesige Hallen, tiefe Gräben, meterdicke Mauern, Gänge, Kanonenstellungen ohne Ende über mehrere Stockwerke, mittendrin Unterkünfte für tausende Soldaten.
In der nächsten Woche findet hier eine Regatta mit Superluxusyachten statt (Wally-Klasse und Maxi 72-Klasse). Einige Teilnehmer sind bereits da und liegen unweit von uns an der Mole. Jede einzelne Yacht ist ungefähr 3 bis 4x so lang wie unser Schiff, und etwa 40x so teuer. Bisher sind schon ein paar Luxusyachten angekommen:
Gesehen und bestaunt, die Wally-Yachten „Magic Carpet 3“ (100ft), „Sensei“ (94ft), „Ryokan“ (80ft), „Galma“ (94ft), „Y3K“ (100ft), „J-One“ (80ft), „Open Season“ (100ft), „Lyra“ (100ft), „inti“ (80ft), „Kenora“ (107ft),
deneben noch „Song of the Sea“ (Swan 112ft), „Nirvana“ (Vitters 186ft)
und ein paar reinrassige Rennschüsseln:
„Momo“, „Jethou“, „Shockwave“ und „Robertissima 3“ (Maxi 72ft),
sowie die australische „Wild Thing“, (100ft), die mit umgelegtem Mast und einem Loch im Heckspiegel einläuft. Keine Ahnung, was die unterwegs getrieben haben.
Die Sturmwarnungen am Navtex lauten seit 7 Tagen immer gleich: Menorca Nordwest oder Nord, 8Bf, Golf von Lyon Nordwest, 8-9Bf, ohne die geringste Spur von Besserung. Heute Freitag, an unserem 9. Hafentag müssen wir und auch unsere Nachbarn raus aus dem Hafen, in die Ankerbucht, weil unsere Liegeplätze für die weiteren Regattaboote vorreserviert sind. Der Sturm soll laut Vorhersage ab heute am Abend schwächer werden, und ab morgen Abend überhaupt aufhören. Vorläufig. Bis nächsten Dienstag. Wir werden sehen.

3.1. Ankunft in Spanien

Ein ruhiges Wetterfenster von 4 Tagen kündigt sich an, wir nutzen es für die Überfahrt nach Menorca. Es ist dann  wirklich so ruhig, dass wir die meiste Zeit unter Maschine fahren müssen. Wir treffen unterwegs auf keine anderen  Schiffe, dafür werden wir am Morgen nach der ersten Nacht von gut gelaunten, springenden Delfinen umringt, die uns fast eine halbe Stunde lang begleiten. Nach 50 Stunden durchgehendem Motorgebrumme, aber wenigstens ohne Wetterstress laufen wir in Mahon (Mao), der Hauptstadt Menorcas ein. Mahon spricht man „Majo“ und ist der Erfindungsort der Majonaise. Kein Scherz. Die Stadt liegt in einer tiefen, verzweigten Bucht. Leider gibt es keine Ankermöglichkeit nahe der Stadt, daher fahren wir in eine Marina. Wir finden einen halbwegs preisgünstigen Platz. Dort wollen wir abwarten, denn es ist für das Wochenende schon wieder Nordsturm mit Stärke 9 angesagt. So bleibt wenigstens Zeit, die Umgebung ausgiebig zu durchstreifen. Die Stadt ist ganz nett, eher touristisch ausgerichtet, aber nicht außergewöhnlich sehenswert. Ein bisschen Umgewöhnung ist erforderlich: Buenos Dias statt Buon Giorno, Holla statt Salve, Adios statt Arrivederci. Die Siestagebräuche sind gleich wie in Italien, der Strassenverkehr ist viel weniger chaotisch, und es sprechen viele ganz gut Englisch, zumindest einmal hier in Menorca. Täglich erreichen ein bis zwei Kreuzfahrtschiffe den Hafen, und anschließend strömen immer Massen von freigelassenen Kreuzfahrttouristen an unserem Liegeplatz vorbei. Abends ist der Spuk vorbei, und es wird ab 10Uhr ziemlich ruhig in den Strassen. Damit es nicht ganz fad wird, gibt die Fäkaltankpumpe den Geist auf. Die Reparatur, der Aus- und Einbau dauern gut 4 Stunden, kopfüber hängend in einem winzigen Schacht, wo man grade mit einem Arm reinkommt. Fäkalschläuche ab- und anschrauben. Meine Lieblingsstellung. Ich verfluche das Boot, bzw. denjenigen, der diese Pumpe irgendwann nachträglich in der bescheuertsten Position, die zu finden war, eingebaut hat. Natürlich sind alle Kabel und Schlauchanschlüsse nicht 1mm länger als unbedingt notwendig. So macht Basteln richtig Freude. Die erfolgreiche Kloreparatur tröstet ein wenig darüber hinweg, dass der Sturm um 2 Tage zu spät kommt, aber dafür 2 Tage länger als vorhergesagt dauert. Daher müssen wir 5 Tage in der Marina abwarten, weil am Ankerplatz vor der Stadt fönt es mit 45 Knoten drüber, wie uns Briten berichten, die von dort geflüchtet sind, und sich gerade neben uns in den Hafen gelegt haben.
Das westliche Mittelmeer ist wettermäßig im Frühjahr ganz schön garstig. Die Vorhersagen sind dermassen unsicher, was eine Vorausplanung ziemlich schwierig macht.

2.22. Die Italienzeit geht zu Ende

Nach Sturmende laufen wir in Richtung Süden aus. Unterwegs werden wir über längere Zeit von Delfinen begleitet, und wir fahren mehrmals durch riesige Kolonien mit Millionen kleiner Segelquallen. Es ist zwar leichter Südwind angekündigt, aber wir haben beschlossen trotzdem dagegen aufzukreuzen. Bis Arbatax geht das auch ganz gut, dann werden aus dem „Leichtwind“ doch wieder 25 Knoten und eineinhalb Meter Welle. Das macht die extrem schmale und winkelige Hafeneinfahrt von Porto Corallo ziemlich spannend. Der Bug taucht mehrmals so tief in die steile Welle ein, dass Karoline vorne knietief im Wasser steht. Es geht dann aber alles gut, und wir bleiben dort 3 Tage, bis der Südwind aufhört. Nach über 100 Meilen Aufkreuzen haben wir wieder eine Zeit lang genug davon. Von Porto Corallo aus machen wir einen ganztägigen Radausflug ins Landesinnere nach Villaputzu.
Sobald es ruhiger wird legen wir ab in Richtung Cagliari, mit einem Zwischenstopp in einer schönen, flachen, sandigen Ankerbucht. In Cagliari wollen wir dann auf günstige Wetterbedingungen für die dreitägige Überfahrt auf die Balearen warten. Außerdem treffen wir hier Freund Michael auf seinem Segeltörn. Michael wollte uns eigentlich ein paar Kleinteile mitbringen. Leider hat seine Reisetasche einen anderen Flieger genommen und ist bis jetzt noch nicht wieder aufgetaucht.
Der Aufenthalt in Cagliari dauert eine Woche. Wir liegen in einer etwas gammeligen, aber gemütlichen und billigen Marina. Hier sind kaum Tagesgäste, dafür aber viele Langfahrer wie wir. Eine recht eigentümliche Gemeinschaft. Wir verbringen die Zeit mit vielen Besichtigungen – Gott sei Dank haben wir die Räder mit, weil die Stadt ist ziemlich groß. Am Stadtrand gibt es einen riesigen Naturpark in einer Salzmarsch. Dort leben unzählige Flamingos, die in eindrucksvollen Formationen immer wieder über die Stadt fliegen. Ein bisschen Stress bekommen wir auch, weil der Bord-Laptop plötzlich verreckt. Der erste Reparaturversuch scheitert leider: die gebrauchte Austausch-Festplatte gibt nach 2 Tagen ebenfalls den Geist auf. Der zweite Versuch ist (bis jetzt jedenfalls) erfolgreich, dank Luca, dem cagliarischen Computerdoktor, der dafür eine Nacht durcharbeitet. Das ist auch der Grund, warum dieser Blogbeitrag ein bisschen verzögert erscheint.